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Es geht sofort weiter, denn Tom hat schon vorhin erwähnt, dass Sie Tanken fahren müssen. Tom ist kurz auf der Toilette verschwunden, Sie warten bereits beim Auto auf ihn, als er nach ein paar Minuten zurückkommt. Diesmal gestaltet sich Ihre Ausfahrt aus dem Klinikgelände und der anschließende Kurs durch die Stadt weniger hektisch – es hätte wohl niemand viel Verständnis dafür, wenn Sie mit Blaulicht und Martinshorn zum Tanken fahren würden.
Es kommt Ihnen schon fast ungewohnt vor, dass Sie ausnahmsweise wie alle anderen auch an einer roten Ampel halten müssen! Sie kriechen scheinbar im Schneckentempo durch den Stadtverkehr, aber letztendlich erreichen Sie nach etwa zehn Minuten Ihr Ziel, und Sie steigen aus dem Auto aus, um sich ein bisschen die Beine zu vertreten und im Tankstellenshop vielleicht was für Zwischendurch zu ergattern. Leider dauert die Pause nicht sehr lange, denn Tom hat gerade einige wenige Liter in den Tank laufen lassen, als der kleine Kasten an Ihrem Gürtel schon wieder losgeht und das mittlerweile bekannte, hektische PPIIIIIEPPP-PIEEEEEPP-PIEEEEEEP von sich gibt. Tom flucht laut vor sich, hin – denn einen schlechteren Moment für einen Alarm hätte es nicht gegeben.
„Häng den Rüssel wieder ein!“, ruft er, wirft Ihnen die Schlüssel zu und rennt in den Shop, um zu bezahlen. Sie schließen den Tankdeckel, setzen sich auf den Beifahrersitz und stecken den Schlüssel ins Zündschloss. Neugierig, aber auch ängstlich werfen Sie einen Blick auf den Piepser und lesen die Einsatzmeldung:
„Notarzteinsatz70134/31.Mai/10:02/nefso/Fa. Günther/Sturz aus 12 m/ Kleiststr. 88.“
Durch die Scheibe der Tankstelle können Sie Tom sehen, der sich inzwischen an zwei anderen Kunden vorbeigedrängelt hat und versucht, so schnell wie möglich die Bezahlung abzuwickeln. Während Sie ihn beobachten, schleicht sich so langsam ein kalter Schauer über Ihren Rücken … Sturz aus zwölf Metern … das kann nichts Gutes heißen. Ihnen fallen sofort gefühlte 1000 Knochen ein, die bei so einem Trauma wie Glas zerspringen. Ganz zu schweigen von den ganzen inneren Verletzungen, die da mit von der Partie sind …! Leberruptur, Aortenabriss, Lungenkontusion … Ihnen rauscht das Blut in den Ohren, als Tom endlich die Fahrertür aufreißt und sich neben Sie auf den Sitz schwingt.
„Na, dann los!“, Toms gute Laune scheint nicht wirklich davon beeinträchtig zu werden, dass es schon wieder weitergeht – ganz im Gegenteil.
Auf Ihre Frage: „Du weißt, wo wir hin müssen?!“, nickt er kurz und klammert sich mit beiden Händen am Lenkrad fest, als er schwungvoll in eine enge Linkskurve rauscht. Sie lehnen sich zurück, halten sich am Türgriff fest und sind froh, dass Sie jetzt nicht den Stadtplan lesen oder das Navi bedienen müssen!
Wenige Minuten später verlassen Sie die Wohngebiete und brausen zwischen backsteinernen Fabrikgebäuden und Eisenbahnwagen durch – willkommen im Industriegebiet! Am Ende einer langen Straße erkennen Sie bereits an einem schweren, braunen Metalltor einen winkenden Mann in blauer Arbeitskleidung und Schutzhelm.
Stimmt, Firma Günter hat irgendwas mit Schwerindustrie zu tun, aber was das genau ist, fällt Ihnen im Moment auch nicht ein.
Der Mann am Eingang winkt Sie durch und deutet Ihnen den Weg geradeaus und dann hinter eine Produktionshalle auf der linken Seite – an der Ecke können Sie in etwa 200 Metern eine weitere, winkende Gestalt in Arbeitskluft, Schutzhelm und roter Warnweste erkennen. Tom steigt auf dem Fabrikhof noch mal richtig aufs Gas und so sausen Sie Ihrem ersten Polytrauma entgegen.
Mit quietschenden Reifen nimmt Tom die Linkskurve hinter die Halle und Sie erkennen bereits weiter vorne vor der Kulisse eines Schrotthaufens und einiger Container eine Menschentraube direkt neben einem etwa 20 Meter hohen Verladekran – ist da jemand heruntergefallen? Ihnen wird flau im Magen, während Sie sich zwei Einmal-Handschuhe überziehen.
Von einem Rettungswagen ist leider noch nichts zu sehen. Tom bremst einige Meter vor der Gruppe aus etwa zehn Arbeitern ab, und Sie springen aus dem Auto – sofort schlägt Ihnen die Geräuschkulisse entgegen – Schwere Industrieanlagen, die die Luft mit einem pausenlosen Hämmern, Zischen und Dröhnen erfüllen.
„Geh Du schauen, ich hole den Krempel!“, bellt Tom Ihnen gegen den Lärm entgegen und so eilen Sie die letzten Meter auf die Menschentraube zu, die sich mittlerweile geöffnet hat und Ihnen den Weg frei macht. Sie starren auf eine Person, die dort in Linksseitenlage mit angezogenen Beinen auf dem Boden liegt und Ihnen im Moment den Rücken zugedreht hat.
Einer der Arbeiter kauert neben dem Kopf des Verletzten, der neben einem Blaumann schwere Arbeitsschuhe und ein helles T-Shirt trägt. Ein Helm liegt neben dem Kopf auf dem rissigen Asphalt. Unter seinen Kopf ist eine zusammengeknüllte Jacke geschoben worden.
Er bewegt sich im Augenblick nicht, und an sonstigen Verletzungszeichen fällt Ihnen auf den ersten Blick nur ein großer, blutiger Fleck im linken Hosenbein zwischen Hüfte und Knie auf.
Sie knien sich neben den Verletzten, während sein Kollege mit zitternder Stimme berichtet. Der Fabriklärm macht eine Verständigung zwar nicht ganz einfach, aber Sie verstehen, dass der Verletzte auf dem Kran tätig war, dort abgerutscht sein muss und dann hier auf den Boden stürzte.
Ein kurzer Blick nach oben zeigt Ihnen eine Führerkanzel in etwa sechs bis acht Metern Höhe, die über eine Sprossenleiter zu erreichen ist.
„Guten Tag, ich bin der Notarzt! Sind Sie wach?!“, rufen Sie neben dem Verletzten kniend und schauen sich sein Gesicht an. Es handelt sich um einen dunkelhaarigen, vielleicht 35-jährigen Mann. Äußere Verletzungen können Sie am Kopf nicht erkennen. Er öffnet auf Ihre Ansprache kurz die Augen, antwortet jedoch nicht. Er scheint Schmerzen zu haben und wirkt gestresst. Seine Gesichtsfarbe ist zwar blass, aber soweit noch einigermaßen rosig. Was tun Sie?
- Sie untersuchen den Schädel auf äußere Verletzungen (407)
- Sie legen dem Patienten eine Halskrause an (67)
- Sie legen einen i.v.-Zugang (373)
- Sie prüfen die Sensibilität der Beine und Arme (789)
- Sie führen eine Auskultation der Lungen durch (61)
- Sie inspizieren den Mundraum des Verletzten (423)
- Sie inspizieren die Beine und die möglicherweise schwere Blutung (20)
